ABOUT
Das wesentliche Element in den Gemälden von Claudia Kleiner ist die Linie. Als Inbegriff des Zeichnens schlechthin gilt die Linie, gewissermaßen als Grundgegensatz zum “malerischen” Ausdruck. Betrachtet man die Kunstgeschichte, kommt dem Zeichnerischen seit jeher die Rolle besonderer Vergeistigung zu. Die Linie ist das Wirklichkeitsfremde. Bereits Leonardo da Vinci konstatiert das Wesen der Linie sei körperlos und gegenstandsfern. Auch Delacroix und Cézanne sind der Meinung, in der Wirklichkeit bzw. der Natur gebe es keine Kontur. In Claudia Kleiners vielschichtigen Arbeiten bildet die Linie als akkurate, häufg horizontale Gerade, von einem Bildrand zum anderen, freihändig oder mit analogen Zeichenhilfen gezogen, die Basis der Komposition. Doch ist die Gerade in Kleiners Malerei weit mehr als die kürzeste Verbindung zweier Punkte. Ihre Linie ist als Spur eines sich über die Fläche bewegenden Punktes zu begreifen. Die uns ihre Dynamik, Richtung, Spannung und den Zeitablauf besser verstehen lässt. Die grafsch-malerischen Techniken der einstigen Meisterschülerin Peter Bömmels verweisen zudem auf die Ambivalenz von körperlicher Einschreibung und Tilgung, Setzung und Entzug, Präsenz und Absenz. Sie markieren einen bedeutsamen künstlerischen Akt. Die Linien und Spuren, die Streichungen und der Einbezug der Unregelmäßigkeiten der Leinwand sowie die palimpsestartigen Oberfächen rücken das Prozessuale ihrer Werkstrukturen in den Vordergrund. Ihre fast schriftartig anmutenden Lineaturen scheinen untereinander in einem geradezu semantischen Beziehungsgefecht verwoben.
Die Künstlerin fungiert in diesem Kreationsprozess selbst als eine Art Medium. Die sich wiederholenden dichten Liniengefechte werden durch und mit ihrem Körper hervorgebracht. Hierbei rückt besonders die Geste des Zeichnens als Medium ästhetischer Erfahrung in den Blick. Katharin Arlt zur Ausstellung "Poetische Abstraktion" 2023
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Von links nach rechts, von oben nach unten oder im wechselhaften Takt schweben Linien ein, formen sich zu komplexen Mustern, bilden Wände und legen sich sanft über Farbräume. Bedacht webt Claudia Kleiner diese ineinander, vielgestaltig und in ruhiger Konzentration. Die Linie ist weise und geduldig. Bescheiden tritt sie selbst einen Schritt zurück, um in Geselligkeit mit ihren Schwestern Klangräume zu schaffen. Ein lindes Rauschen, ein leises Summen, eine leichte Vibration liegen in der Luft. Umhüllt von einer kühlen Brise lassen sich die Formwellen hören, luftig und frisch atmen die Augen der Betrachterinnen und Betrachter die abstrakten Formlandschaften der Künstlerin ein.
Auf den ersten Blick wirken die konzeptionellen Arbeiten von Claudia Kleiner wie Drucke. Die Bilder auf Papier und Leinwand bewegen sich zwischen Linie, Fläche und Struktur. Die Nähe zur Druckgrafik resultiert unter anderem aus der Bewunderung Kleiners für abstrakte japanische Farbholzschnitte und Färbeschablonen aus dem 19. Jahrhundert. Bei letzteren, Katagami genannt, beeindrucken die Künstlerin neben dem Feingefühl im Umgang mit Raum als Fläche vor allem das Verhältnis von Addition und Reduktion. Diesen Qualitäten nimmt sich Kleiner an, wenn sie ihre zunächst wie serielle Abzüge erscheinenden Bilder erstellt, die jedoch alle Unikate sind. Mit Tuschestift, Aquarellfarbe oder Graphit zeichnet sie Linien frei Hand auf den Bildträger Papier. Auch ein ausgewaschener Stift darf dabei sein bildnerisches Talent zeigen. Authentisch reiht Kleiner manuelle Linien aneinander, trotz Wiederholung ist jeder Strich individuell. Konsequenter wird die Gestik mit dem Einsatz eines Lineals. Auch hierbei geht die Künstlerin Linie für Linie vor und erfasst schrittweise das entstehende Bild wie ein Scanner. Kleiners gutes Gefühl für Materialität bleibt auch bei dem härteren Werkstoff Lineal erhalten. Ihre Arbeiten sprechen die kompositorische prache der Minimal Art der 1960er Jahre und erinnern in ihrer Grammatik an Agnes Martin, deren strafferes Lineal ebenso mit viel Gefühl geführt wird. Die Gitterungen Kleiners sind jedoch weniger anonym und darüber hinaus von der Dynamik einer bestimmten Richtung im Bild geprägt. In der Bewegtheit ließ sich Claudia Kleiner von Per Kirkeby inspirieren. Hierbei ist auch ein Bezug zum Musikalischen spürbar. Als Kind genoss Kleiner langjährigen Musikunterricht, diese Erfahrung prägte sie auch für ihre heutige visuelle Sprache. In den Bildern von sich wiederholenden Sequenzen lichtvoller Farbräume klingt die Farbe Blau als Tenor im cantus firmus der Komposition. Die kühle Farbe symbolisiert Frische und Freigeist und lässt an die Weiten des Himmels und an die Tiefen des Meeres denken. Neben dem dominanten Element Linie taucht Blau immer wieder als führendes Stilmittel in diversen Nuancen, bisweilen auch mit den Nachbarinnen Violett und Pink auf. Rot und Gelb treten selten auf, interagieren dann aber intensiv mit Blau. Kleiner bekennt sich hierbei zur Farbe als emotionale Qualität: In ihren Bildern schwingt Klarheit mit Gefühl.
Ihre Ölgemälde beginnt Claudia Kleiner zunächst im Geiste traditioneller Maltechnik. Lange bereitet die Künstlerin den Bilduntergrund vor, bespannt die Leinwand, grundiert diese und trägt die erste Farbschicht mit dem Pinsel auf. Die nächsten Schritte erfolgen aus einem gekonnten Wechsel des Auftragens und Abtragens, bis das zu findende Bild abgetastet ist. Der für das suchende Publikum vertraute malerische Duktus verschwindet langsam im Prozess fortlaufender Liniensetzung. Die Ehrlichkeit der Linie ist Claudia Kleiner wichtig, geringe Abweichungen und Fehlstellen sind willkommen. Die Ungenauigkeiten im kontinuierlichen Vorgang tragen zur Glaubhaftigkeit und Lebendigkeit des handwerklichen Prozesses bei. Überraschend treten kleine Gegenläufer der Webrichtung auf, die aleatorisch wie feine Kratzer am Wolkenhimmel wirken. Das Prinzip kleiner Ungenauigkeiten ist somit ein bewusstes Gestaltungselement Kleiners. Ihre klug geknüpften Gitter von logischen Gedankengängen werden dadurch nicht zu starr und maschinell, sondern bekennen sich zum Imperfekten als Ausdruck tief menschlicher Natur.
Der besondere Reiz in der eigenwilligen Technik von Claudia Kleiner liegt außerdem im Abtasten der Genregrenzen selbst: Ihre Arbeiten befinden sich inmitten der Peripherie von Druckkunst, Grafik und Malerei als konstruktive Interferenz. Der Begriff, der aus dem Bereich Physik entlehnt ist, beschreibt die verstärkende Wirkung in der Überlagerung der Linienwellen, wodurch Kleiner ihre bildnerischen Möglichkeiten verdoppelt. In ihren frühen organischen Arbeiten beschäftigte sich die Künstlerin bereits mit abstrakten Farb- und Formgebilden. Diese sind weich und fließend, gelegentlich ordnen sich geometrische Formen mit dichterischer Ausdruckskraft ein. Über die Jahre an Abstraktion gewinnend, blieb die stille Poesie erhalten. Mit Leichtigkeit und zugleich Tiefe bringt Kleiner ihre Bilder zunehmend in Raster und Struktur, schichtet Gefühle und Gedanken verwoben und für die Realität verträglich weiter, wiederholt einzelne Vorgänge bis hin zur meditativen Verdichtung und reiht so Unbewusstes in die Muster des Bekannten ein. Leise strickt die Künstlerin Unterflächen und Oberflächen ineinander und sinkt stetig in den entschleunigenden Vorgang. Durch die achtsame Arbeitsweise im zeitaufwendigen Prozess wird auch Zeitlichkeit selbst zum Thema der Bilder: Mit ihrer Linie schreibt die Künstlerin Maßeinheiten, die analog zur Zeittaktung in Sekunde über Stunde oder von Tagen über Monaten hin zu ganzen Jahren agieren. Die Linienschrift in den Bildern von Claudia Kleiner erzählt von fortlaufender Wiederholung in immer neuer Variation, der damit zusammenhängenden Vergänglichkeit des Moments und des daraus resultierenden unaufhörlichen Spannungsfeldes zwischen Uniformität und Individualität des irdischen Lebens. Sarah Jürgel, 2020
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AUSSTELLUNGEN (AUSWAHL)
SOLO / DUO / TRIO
2026
Kunstverein Meißen | tipping points
Galerie Hinten, Chemnitz | JAMAIS-VU
2025
Werkgalerie, Kreative Werkstatt Dresden | default mode network
WERKRaum Geh8, Dresden | Kleine Töne
2023
Galerie Laetitia Gorsy, Leipzig | CURVES
Stadtarchiv Dresden | TENDER NOISE
2022
Geh8 WERKRaum, Dresden | Streulicht
2021
Galerie Stephanie Kelly, Dresden | THE THINGS I DO POSSESS SOMETIMES THEY OWN ME TOO
2018
Goldene Pforte, Dresden | FIELDS
2017
Insert Oswaldz, Dresden | FOLDING SHADOWS
2016
Kunstforum RadioLenck, Dresden | there is a place to rest
GROUP
2026
Axel Obiger | Don´t be afraid of
2025
Städtische Galerie Dresden | Echtzeit
Robotron Kantine, Dresden | Out of the Blue
KimGo Berlin | Nester
LindeNow, Leipzig | Blurred
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Museum Gunzenhauser Chemnitz | WIN/WIN
Galerie am Körnerpark, Berlin | Anonyme Zeichner
Glue Berlin | 20 Jahre Glue
2023
Galerie ArtMur as part of the Pictura Trienale, Montreal | Reverb
Kunstverein Meißen | Wintersalon
2022
Hostel Blauer Stern, Leipzig | Keine große Sache
Galerie Stephanie Kelly, Dresden | IMAGE FÉTICHE - kuratiert von Laetitia Gorsy
Galerie Irrgang, Leipzig | RAUS!
Sammlung Wolkenkuckucksheim, Galerie Irrgang, Leipzig | Mimimi
2021
Kunstverein Meißen | LINEUP
Kunsthalle Ost, Leipzig | Staycation Beach
2020
Hier und Jetzt - Ein digitales Ausstellungsprojekt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der HfBK Dresden im öffentlichen Raum
Galerie Stephanie Kelly, Dresden | Flowers from Stephanie - #6
2019
Galleri Hafnarstraeti, Reykjavik | Ljos
Art+Form Kunstraum, Dresden | Von dieser Welt
Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden | Ade De De, Prof. Peter Bömmels und Absolvent*innen
2018
Galerie im Körnerpark, Berlin | Anonyme Zeichner
C. Rockefeller Center for Contemporary Arts, DD | remember the rabbit
Zentralwerk, Dresden | Bruchfinder
2017
Festspielhaus Hellerau, Oswaldz, Dresden | I N A R O W
2009-16 Gruppenausstellungen in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Leverkusen, Utrecht, Cuenca, Plauen
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V I T A
*lebt und arbeitet in Dresden
2011 – 2013
Meisterschülerin an der HfBK Dresden bei Prof. Peter Bömmels
2010
Studium an der UCLM Cuenca (ES) bei Gonzalo Cao
2005 – 2011
Studium der Bildenden Kunst an der HfBK Dresden
bei Prof. Elke Hopfe, Rocco Pagel, Prof. Christian Sery,
Prof. Peter Bömmels
1985
geboren in Sebnitz
STIPENDIEN
2014, 2020, 2021 Arbeitsstipendium, Kulturstiftung des Freistaat Sachsen (KdFS)
2022 Arbeitsstipendium, Landeshaupstadt Dresden
2010 Erasmusstipendium, DAAD (UCLM Cuenca)
WERKE IN SAMMLUNGEN
2025 Kunstsammlung des Sächsischen Landtages
2024 Sammlung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
2024 Kunstsammlung der Stadt Dresden
2019 Grafische Sammlungen der TU-Dresden
CONTACT
post[at]claudiakleiner.de