ABOUT

Von links nach rechts, von oben nach unten oder im wechselhaften Takt schweben Linien ein, formen sich zu komplexen Mustern, bilden Wände und legen sich sanft über Farbräume. Bedacht webt Claudia Kleiner diese ineinander, vielgestaltig und in ruhiger Konzentration. Die Linie ist weise und geduldig. Bescheiden tritt sie selbst einen Schritt zurück, um in Geselligkeit mit ihren Schwestern Klangräume zu schaffen. Ein lindes Rauschen, ein leises Summen, eine leichte Vibration liegen in der Luft. Umhüllt von einer kühlen Brise lassen sich die Formwellen hören, luftig und frisch atmen die Augen der Betrachterinnen und Betrachter die abstrakten Formlandschaften der Künstlerin ein.

 

Auf den ersten Blick wirken die konzeptionellen Arbeiten von Claudia Kleiner wie Drucke. Die Bilder auf Papier und Leinwand bewegen sich zwischen Linie, Fläche und Struktur. Die Nähe zur Druckgrafik resultiert unter anderem aus der Bewunderung Kleiners für abstrakte japanische Farbholzschnitte und Färbeschablonen aus dem 19. Jahrhundert. Bei letzteren, Katagami genannt, beeindrucken die Künstlerin neben dem Feingefühl im Umgang mit Raum als Fläche vor allem das Verhältnis von Addition und Reduktion. Diesen Qualitäten nimmt sich Kleiner an, wenn sie ihre zunächst wie serielle Abzüge erscheinenden Bilder erstellt, die jedoch alle Unikate sind. Mit Tuschestift, Aquarellfarbe oder Graphit zeichnet sie Linien frei Hand auf den Bildträger Papier. Auch ein ausgewaschener Stift darf dabei sein bildnerisches Talent zeigen. Authentisch reiht Kleiner manuelle Linien aneinander, trotz Wiederholung ist jeder Strich individuell. Konsequenter wird die Gestik mit dem Einsatz eines Lineals. Auch hierbei geht die Künstlerin Linie für Linie vor und erfasst schrittweise das entstehende Bild wie ein Scanner. Kleiners gutes Gefühl für Materialität bleibt auch bei dem härteren Werkstoff Lineal erhalten. Ihre Arbeiten sprechen die kompositorische prache der Minimal Art der 1960er Jahre und erinnern in ihrer Grammatik an Agnes Martin, deren strafferes Lineal ebenso mit viel Gefühl geführt wird. Die Gitterungen Kleiners sind jedoch weniger anonym und darüber hinaus von der Dynamik einer bestimmten Richtung im Bild geprägt. In der Bewegtheit ließ sich Claudia Kleiner von Per Kirkeby inspirieren. Hierbei ist auch ein Bezug zum Musikalischen spürbar. Als Kind genoss Kleiner langjährigen Musikunterricht, diese Erfahrung prägte sie auch für ihre heutige visuelle Sprache. In den Bildern von sich wiederholenden Sequenzen lichtvoller Farbräume klingt die Farbe Blau als Tenor im cantus firmus der Komposition. Die kühle Farbe symbolisiert Frische und Freigeist und lässt an die Weiten des Himmels und an die Tiefen des Meeres denken. Neben dem dominanten Element Linie taucht Blau immer wieder als führendes Stilmittel in diversen Nuancen, bisweilen auch mit den Nachbarinnen Violett und Pink auf. Rot und Gelb treten selten auf, interagieren dann aber intensiv mit Blau. Kleiner bekennt sich hierbei zur Farbe als emotionale Qualität: In ihren Bildern schwingt Klarheit mit Gefühl.

 

Ihre Ölgemälde beginnt Claudia Kleiner zunächst im Geiste traditioneller Maltechnik. Lange bereitet die Künstlerin den Bilduntergrund vor, bespannt die Leinwand, grundiert diese und trägt die erste Farbschicht mit dem Pinsel auf. Die nächsten Schritte erfolgen aus einem gekonnten Wechsel des Auftragens und Abtragens, bis das zu findende Bild abgetastet ist. Der für das suchende Publikum vertraute malerische Duktus verschwindet langsam im Prozess fortlaufender Liniensetzung. Die Ehrlichkeit der Linie ist Claudia Kleiner wichtig, geringe Abweichungen und Fehlstellen sind willkommen. Die Ungenauigkeiten im kontinuierlichen Vorgang tragen zur Glaubhaftigkeit und Lebendigkeit des handwerklichen Prozesses bei. Überraschend treten kleine Gegenläufer der Webrichtung auf, die aleatorisch wie feine Kratzer am Wolkenhimmel wirken. Das Prinzip kleiner Ungenauigkeiten ist somit ein bewusstes Gestaltungselement Kleiners. Ihre klug geknüpften Gitter von logischen Gedankengängen werden dadurch nicht zu starr und maschinell, sondern bekennen sich zum Imperfekten als Ausdruck tief menschlicher Natur.

 

Der besondere Reiz in der eigenwilligen Technik von Claudia Kleiner liegt außerdem im Abtasten der Genregrenzen selbst: Ihre Arbeiten befinden sich inmitten der Peripherie von Druckkunst, Grafik und Malerei als konstruktive Interferenz. Der Begriff, der aus dem Bereich Physik entlehnt ist, beschreibt die verstärkende Wirkung in der Überlagerung der Linienwellen, wodurch Kleiner ihre bildnerischen Möglichkeiten verdoppelt. In ihren frühen organischen Arbeiten beschäftigte sich die Künstlerin bereits mit abstrakten Farb- und Formgebilden. Diese sind weich und fließend, gelegentlich ordnen sich geometrische Formen mit dichterischer Ausdruckskraft ein. Über die Jahre an Abstraktion gewinnend, blieb die stille Poesie erhalten. Mit Leichtigkeit und zugleich Tiefe bringt Kleiner ihre Bilder zunehmend in Raster und Struktur, schichtet Gefühle und Gedanken verwoben und für die Realität verträglich weiter, wiederholt einzelne Vorgänge bis hin zur meditativen Verdichtung und reiht so Unbewusstes in die Muster des Bekannten ein. Leise strickt die Künstlerin Unterflächen und Oberflächen ineinander und sinkt stetig in den entschleunigenden Vorgang. Durch die achtsame Arbeitsweise im zeitaufwendigen Prozess wird auch Zeitlichkeit selbst zum Thema der Bilder: Mit ihrer Linie schreibt die Künstlerin Maßeinheiten, die analog zur Zeittaktung in Sekunde über Stunde oder von Tagen über Monaten hin zu ganzen Jahren agieren. Die Linienschrift in den Bildern von Claudia Kleiner erzählt von fortlaufender Wiederholung in immer neuer Variation, der damit zusammenhängenden Vergänglichkeit des Moments und des daraus resultierenden unaufhörlichen Spannungsfeldes zwischen Uniformität und Individualität des irdischen Lebens.  Sarah Jürgel, 2020

2019

Artist In Residence - Juni 2019, SIM residency, Reykjavik (ISL)

2014

Heimspiel-Stipendium der Kulturstiftung des Freistaat Sachsen,

Baumwollspinnerei Leipzig

2011 – 2013

Meisterschülerin an der HfBK Dresden bei Prof. Peter Bömmels

 

2010

 

Studium an der UCLM Cuenca (ES) bei Gonzalo Cao


2005 – 2011

Studium der Bildenden Kunst an der HfBK Dresden
bei Prof. Elke Hopfe, Rocco Pagel, Prof. Christian Sery,

Prof. Peter Bömmels
 

1985

geboren in Sebnitz

-----------------------------------------------------------------------------------------------

AUSSTELLUNGEN (Auswahl)

2020

Hier und Jetzt - Ein digitales Ausstellungsprojekt der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der HfBK Dresden im öffentlichen Raum (G)

Flowers from Stephanie - #6 der Ausstellungsreihe, Galerie Stephanie Kelly, Dresden

2019

Ljos - Galleri Hafnarstraeti, Reykjavik (G)

Von dieser Welt - Art+Form Kunstraum, Dresden (G)

Ade De De, Prof. Peter Bömmels und Absolvent*innen -

Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden (G)

2018

FIELDS - Goldene Pforte, Dresden (E)
Anonyme Zeichner - Galerie im Körnerpark, Berlin (G)
remember the rabbit - C. Rockefeller Center for Contemporary Arts, DD (G)
Bruchfinder - Zentralwerk, Dresden (G)

2017

I N A R O W - Festspielhaus Hellerau, Oswaldz, Dresden (G)
FOLDING SHADOWS - Insert, Oswaldz, Dresden (E)

2016
PROTECT AND BRONCE - Alte Feuerwache Loschwitz (G)
there is a place to rest - Kunstforum RadioLenck, Dresden (E)
break even point - Atelier Meschwitzstraße, Dresden (D)

2014

BUILDING BUILDING - das Spectrum, Utrecht/das Areal, Dresden (G, Kat.)
what goes up must come down - Halle14, Baumwollspinnerei Leipzig (E)
Eb-Dietzsch-Kunstpreis - GeraerBankEG, Gera (G, Kat.)
IM BILDE - Erholunghaus Leverkusen (G)

2013
NEUN - Kunstsammlungen Chemnitz (G)
SCHWEBUNG - mit Julius Stahl, GalerieModule, Dresden (G)
NATUR-MENSCH - Nationalpark Harz (G, Kat.)
Walkürenritt - Galerie3, Dresden (G)


 

G - Gruppenausstellung

E - Einzelausstellung

CONTACT

post[at]claudiakleiner.de

www.instagram.com/c.kleiner

© 2021 BY CLAUDIA KLEINER